Restaurieren! Restaurieren?

 

Grundsätzliches

 

Viele Jahre galt auch für das Albis-Team mehrheitlich die Maxime:

 

Restaurieren heisst weg mit der alten Substanz!

 

Möglichst alles muss mit moderner Technik erneuert, neu beschichtet oder gar komplett neu angefertigt werden. Wie neu -oder besser als neu- soll das Motorrad am Ende da stehen. Seriöse Restauratoren, welche für Museen alte Kunst- und Gebrauchsgegenstände retten und erhalten, wenden sich natürlich mit Grauen ab von unseren laienhaft auf neu getrimmten Fahrzeugen. Der eigentliche Anspruch ist es ja, möglichst viel von der historischen Substanz zu konservieren. Nur das Allernötigste darf auf historisch korrekte Art ersetzt werden, und zwar so, dass der urprünglich vorgefundene Zustand jederzeit wieder hergestellt werden kann.

Natürlich ist es nicht verboten (weder rechtlich noch moralisch), viele Jahrzehnte alte, defekte Fahrzeuge mit 2-K-Lackierung, lnox-Speichen, neuen Pneus, versteckter Elektronik, nachgebauten Teilen etc. aufzumöbeln. Das Resultat sieht manchmal äusserlich ganz gut aus, und es darf jedermann daran Freude haben, der will. Ehrlicherweise dürfte ein solches Motorrad aber nicht als historisches, restauriertes Fahrzeug bezeichnet werden. Oder würden wir es zulassen, dass Michelangelos weltberühmte Fresken in der Sixtinischen Kapelle per Sandstrahlgebläse vernichtet würden (der ganze Dreck natürlich ordnungsgemäss entsorgt...) und dann mit leuchtenden, pflegeleichten Acrylfarben die vorher fotografisch festgehaltenen Bilder auf die frisch grundierten Mauern neu aufgepinselt würden?! Klar, der Vergleich hinkt ein wenig. Die Bedeutung eines einmaligen Kunstwerks lässt sich mit der eines Serienproduktes der Fahrzeugindustrie nicht direkt vergleichen. Es ist kein grosser Verlust für das Kulturerbe der Menschheit, wenn allein in der Schweiz jedes Jahr hunderte von Töffs von zwar gutmeinenden, aber im Umgang mit historischem Material völlig ungebildeten Liebhabern unsachgemäss (und unwiderruflich!) ,,renoviert" werden.

 

Aber schade ist es dennoch, auch wenn wir mit unserem Besitz machen können, was wir wollen.

 

Projekt Zündapp K400

 

Karl Dengler hat beschlossen, sein neuestes Projekt respektvoll und ,,sanft" zu restaurieren, so gut es ihm ohne Ausbildung als Konservator möglich ist. Es ist ihm bewusst, dass auch bei dieser Restauration am Ende einiges an originaler Substanz für immer verloren sein wird. Aber ein grosser Teil der alten Lackierung soll erhalten bleiben. Ebenso sollen Teile der Verchromung und anderer Oberflächenbehandlungen nur gereinigt und konserviert werden. Auf diese Weise bleibt ein gewisser Prozentsatz der optisch erfassbaren Oberfläche ,,original", d.h. ,,ursprünglich", also wie 1933 ausgeliefert oder wie vor Jahrzehnten im täglichen Gebrauch ausgebessert. Auch im technischen Bereich soll nur ersetzt werden, was unbedingt nötig ist. Auf jeden Fall soll die Zündapp für den Strassenverkehr zugelassen werden.

 

Praxis

 

Karl Denglers Vorgehensweise soll anhand der Räder veranschaulicht werden. Die alten Speichen hat er einzeln liebevoll gereinigt und wieder eingebaut. Die deformierten und vom Rost zerfressenen Felgen hingegen musste er leider durch neu gefertigte ersetzen. An den Naben musste der Lack nach schonender Reinigung nur ausgebessert und aufpoliert werden. Die Aluminium-Bremsschilder sind nur mit Petrol und Stahlwatte gesäubert worden, strahlen mit Glasperlen war tabu! Die Reifen sind neu. Bei aller Vorsicht ist also doch einiges an Neumaterial zusammen gekommen. Aber historische Substanz ist, ausser bei den Felgen und Reifen, nicht mutwillig ersetzt worden. Und sie ist nicht irreversibel verloren gegangen! Sobald originale Felgen auftauchen, deren alte Chromschicht noch zu einem gewissen Teil erhalten geblieben ist, wird Karl sie gerne einspeichen. Bleiben noch die Pneus. Für den heutigen Strassenverkehr sind neue, aber im Stil passende, ,,Contis" aufgezogen. Aber für Ausstellungszwecke können uralte Exemplare, wie sie auf Flohmärkten immer wieder auftauchen, ohne weiteres montiert werden.

Auf diese Art sollen alle Baugruppen der Zündapp restauriert werden. Auch wenn hier ein Laie und kein geschulter Museums-Konservator am Werk ist, wird seriös, behutsam und respektvoll gearbeitet. Der Arbeitsaufwand ist jedenfalls erheblich grösser, wenn nicht einfach Sandstrahlgebläse und Laugenbad in Aktion treten und nachgefertigte Teile zusammengekauft und voreilig verbaut werden!

 

Ideal und Realität

 

Und wozu der ganze Aufwand? Der Beamte (Experte will ich diese Berufsgruppe im Zusammenhang mit historischem Material nicht nennen..) des Strassenverkehrsamtes wird wegen teilweise pickeligem Chrom, mattem Lack und offensichtlich gebrauchten Einzelteilen die Nase rümpfen und der Zündapp den Status eines ,,gepflegten und in diesem Zustand erhaltenswerten Fahrzeugs" absprechen. Zuschauer und ,,Fachleute" an Veteranenrallies werden Karl Dengler vorwurfsvoll die Frage stellen, warum er denn das schöne Motorrad nicht ,,richtig restauriert" habe. Und falls er den Töff einmal verkaufen will, werden die Interessenten ihn belehren, dass der geforderte Preis viel zu hoch sei, da das Ding ohnehin nochmals demontiert und ,,total restauriert" werden müsse.

 

Lass dich nicht beirren, lieber Karl! Wenn dereinst praktisch alle alten Motorräder zu Tode restauriert sind, wird deine Zündapp eines der wenigen unversehrt überlebenden Fahrzeuge aus längst vergangenen Zeiten sein. Sie wird die Spuren ihres langen Lebens mit Würde tragen und mit ihrer historischen Substanz alle ihre hochglänzenden und gelifteten Konkurrentinnen überstrahlen!

 

Alex Meyer, im Dezember 2002